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Pinsdorf: Zwei Tage im Zeichen der Versöhnung

14.09.2026 16:55

Der Bauernhügel als Hauptspielort zwischen Tradition und Offenheit

Einer der zentralen Schauplätze des Bauernkriegs und eines der wohl markantesten Denkmäler Oberösterreichs zu diesem Thema wurden für zwei Tage zum Hauptspielort der communale oö 2026: der Bauernkriegshügel in Pinsdorf.

Samstag – Geschichte in Bewegung

Ausgangspunkt war das nahegelegene Sportzentrum Pinsdorf, das als zentraler sozialer Ort des Wochenendes mit Gastronomie und der atmosphärisch ausgestatteten Stockhalle auch für die Regenwettervariante bestens gerüstet war. Von dort führte ein Festzug durch Wohnsiedlungen und über Felder zum Bauernkriegshügel.

Der Hügel selbst ist ein bemerkenswerter Ort: kaum größer als eine Bauparzelle, mitten in einer Wohnsiedlung gelegen und von einer mächtigen Linde gekrönt. Angeführt von der Blasmusikkapelle Pinsdorf zog die Festgesellschaft dorthin. Rund 600 Gäste nahmen auf Sesseln direkt auf der temporär gesperrten Hauptstraße Richtung Gmunden Platz und verwandelten den alltäglichen Straßenraum in eine pittoreske Freiluftbühne.

Den Auftakt bildete ein kurzweiliger Festakt mit interessanten Gästen, Gesprächen und einer besonderen musikalischen Premiere. Der Musikverein Pinsdorf spielte den eigenen Pinsdorfer Marsch – allerdings in einer neuen Fassung. Der Komponist Rupert Huber hatte das Stück künstlerisch bearbeitet und ihm kleine Verschiebungen und Irritationen eingeschrieben. Im vertrauten Ablauf entstanden so feine, virtuose und humorvolle Anomalien – kleine Unebenheiten des Alltäglichen, die mitunter nur von Eingeweihten wahrgenommen wurden. Ein spielerischer Eingriff in die Tradition und zugleich ein Ansatz, der der kollaborativen Methode der communale oö 2026 sehr genau entspricht: Das Bestehende wird nicht ersetzt, sondern gemeinsam betrachtet, geöffnet und weitergedacht.

Danach folgte ein Höhepunkt des Wochenendes: das Gastspiel der Frankenburger Würfelspiele. Mit einer großen Zahl an Mitwirkenden kamen sie nach Pinsdorf und brachten weit mehr mit als eine Aufführung ihres traditionsreichen Stückes.

Schon der besondere Ort erforderte eine Adaption. Entscheidender aber war die Haltung der Akteur selbst. Sie nutzten das Gastspiel, um das Stück aus seiner eigenen Geschichte heraus in gegenwärtige gesellschaftliche Fragen zu führen. Denn auch die Entstehungs- und Aufführungsgeschichte der Frankenburger Würfelspiele ist mit deutschnationalen Ideologien und nationalsozialistischer Vereinnahmung verbunden. Gerade deshalb war bemerkenswert, wie selbstbewusst sich die heutigen Akteur diese Geschichte aneigneten: nicht, indem sie sie ausblendeten, sondern indem sie ihr mit einer offenen, reflektierten Haltung begegneten.

So wurde das Stück gewissermaßen von seinen eigenen Akteur neu vereinnahmt – diesmal durch die kollektive Haltung von Menschen, die ihre lokale Geschichte inmitten einer offenen Gesellschaft neu befragen. Das Gastspiel stand damit gleichermaßen für traditionelle Geschichtserzählung wie für einen kritischen Umgang mit Geschichte selbst. Es zeigte, dass Geschichte nichts endgültig Festgeschriebenes ist. Ihre Interpretation verändert sich mit der Gegenwart und mit den Menschen, die sich zu ihr verhalten.

Zwei Aufführungen mit jeweils mehr als 500 Gästen belegten eindrucksvoll die anhaltende Attraktivität und den Magnetismus der Frankenburger Würfelspiele. Ebenso bemerkenswert war die Organisation vor Ort: Ein gemeinsam mit Polizei, Feuerwehr und zahlreichen Helfer entwickeltes logistisches System führte die vielen Besucher sicher und selbstverständlich durch den Nachmittag. So entstand trotz der großen Zahl an Menschen eine entspannte Atmosphäre, die schließlich in einen gemütlichen musikalischen Ausklang mündete.

Mittendrin: das Team der communale mit KURT, dem mobilen Museum.

Sonntag – Gedenken, reflektieren, vermitteln

Am zweiten Tag zeigte sich der Bauernkriegshügel von einer anderen Seite. Derselbe Ort wurde nun zur Kulisse für besinnliches Gedenken, künstlerische Intervention und kritische Reflexion.

Den Beginn machte eine ökumenische Begegnungsfeier mit Vertreter von vier verschiedenen Kirchen. Darauf folgte mit „Mein Feld“ von Salon Limusin ein künstlerischer Beitrag, der sich kritisch mit nationalsozialistischer Vereinnahmung, Erinnerung und Aufarbeitung auseinandersetzte. Mit partizipativen Methoden und großer künstlerischer Präzision wurde das Publikum unmittelbar in dieses sensible Thema einbezogen.

Der Beitrag zeigte exemplarisch, was Kunst in solchen Zusammenhängen leisten kann: gesellschaftlich tabuisierte, widersprüchliche und sensible Themen erfahrbar und damit kommunizierbar zu machen. Gleichzeitig wurde darin sichtbar, wie und wo sich die communale speziell mit ihrem Herbst-Programm selbst positioniert – nicht durch vorgefertigte Antworten, sondern durch das Öffnen von Räumen, in denen Auseinandersetzung möglich wird.

Eine Veranstaltung der Evangelischen Diözese widmete sich anschließend der Frage nach dem heutigen Umgang mit Denkmälern und Erinnerung. Moderiert von Günter Kaindlstorfer trafen sehr unterschiedliche Perspektiven aufeinander: die eines Pädagogen ebenso wie jene einer Bäuerin, die des Historikers Hannes Leidinger ebenso wie jene einer evangelischen Pfarrerin. Unterschiedliche Lebenswelten, Erfahrungen und fachliche Zugänge kamen miteinander ins Gespräch.

Es war ein Vormittag voller Tiefe und Offenheit – kritisch, aber zugewandt.

Danach verlagerte sich das Geschehen wieder in die Stockhalle. Beim Pinsdorfer Frühschoppen zeigte sich Tradition nicht als Gegensatz zur kritischen Reflexion, sondern als selbstverständlicher Teil gelebter Gegenwart. Musikalisch getragen von den Pinsdorfer selbst, verband sich das gemeinsame Feiern mit dem breiten Vermittlungsprogramm der communale: Druckworkshops luden zum eigenen Gestalten ein, während das mittlerweile legendäre Puppentheater Aigen-Schlägl in der Volksschule Pinsdorf zeigte, wie sich eine komplexe historische Geschichte auch für die Jüngsten verständlich und lebendig erzählen lässt.

Zwischen Tradition und Offenheit

So wurde Pinsdorf für zwei Tage zu einem Ort zwischen Tradition und Offenheit, zwischen Fest und Gedenken, zwischen historischer Erzählung und gegenwärtiger Befragung. Vor allem aber war es ein Wochenende, das von zahlreichen kollaborativen Projekten zwischen der communale und den Menschen in Pinsdorf getragen wurde.

Damit entstand ein weiteres, ganz eigenständiges Kapitel der communale. Seine Geschichte war unverwechselbar mit diesem Ort und seinen Menschen verbunden. Seine Haltung aber entsprach genau dem, was diese Edition der communale auszeichnet:

mutig zugewandt, kritisch und respektvoll – und vor allem miteinander.

- Projektleiter Martin Honzik

 

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